Stille Nacht

Vor einigen Tagen hatten sie noch ein Dach über dem Kopf. Doch jetzt fledderte der Wind in ihren Haaren und eisige Kälte umgab sie. Und das alles, weil es dem Kaiser eingefallen war, sein Volk zu zählen. Jahrelang hatte er sich nicht für das Volk interessiert. Doch gerade jetzt, als die Frau schwanger war und andere Sorgen hatte, da mussten sie dem Kaiser gehorchen. Sie hatten es ja auch geschafft, rechtzeitig in Bethlehem anzukommen. Und doch zu spät, denn nicht einmal ein ordentliches Zimmer fanden sie. In einem Stall kamen sie unter und da setzten die Wehen auch schon ein. Maria war tapfer, doch wie es meistens beim ersten Kind ist, auch ängstlich.

Und dann war er da, der Junge, den sie Jesus nennen sollten.

Nun erst einmal ausruhen. Doch von wegen und stille Nacht. Jetzt ging es erst richtig los. Wie hatte es sich eigentlich so schnell herum gesprochen? Engel, behaupteten die Hirten, hätten es ihnen gesagt. Musste man das glauben? Auf alle Fälle waren sie da, die Hirten.

Mit ihren staunenden Blicken, ihrem Reden und Lachen, füllten sie den Raum. Wenn die Einen gingen, kamen die Nächsten. Musik ertönte und Gesang. Das sei der Engelchor, berichteten die Hirten. Eigenartig, was alles geschah, in dieser Nacht. Und dabei wollten sie nur ausruhen…

Es war keine stille Nacht. Auch am Tag fanden sie keine Ruhe. Wenn das Kind nicht schrie, taten es die Soldaten auf den Straßen und die Händler in den Gassen. Josef hatte den Eindruck, als drehte sich alles um sie – aber wieso? Doch er kam nicht zum Nachdenken, denn es war schon wieder Tumult vor der Tür. Als er vorsichtig hinaus blickte, sah er drei eigenartig gekleidete Männer auf Kamelen. Sie kamen doch tatsächlich auf den Stall zu geritten, hielten an und stiegen ab. „Wo ist das Kind?“ hörte er einen rufen. „Schau auf den Stern!“ sagte ein Anderer, „Er zeigt genau auf den Stall, da muss es sein.“

Eh Josef sich versah, standen die Drei vor ihm und begehrten Einlass. Als sie drinnen waren, blieben sie ehrfürchtig vor der Futterkrippe stehen, in der das Kind lag. „So sieht also der König aus, der die Weltherrschaft übernehmen soll?“ Ungläubig schüttelte der Redner den Kopf. „Hoffentlich sind wir hier richtig.“ Sagte der Zweite. „Wir sollen nämlich einige Wertsachen abgeben.“ Tönte der Dritte und hielt Josef eine Schatulle mit Goldstücken hin. „Ich habe ein Säckchen mit Weihrauch.“ „Und ich eins mit Myrrhe.“ Ließen sich die anderen vernehmen und überreichten ihre Gaben.

So schnell wie sie gekommen waren, verschwanden sie auch wieder. Ein weiter Weg lag vor ihnen und man hatte ihnen geraten, einen Umweg zu nehmen, damit sie nicht noch einmal beim König des Landes vorbei mussten. Dieser wollte sie nämlich aushorchen, denn er trachtete danach, das Kind zu ermorden.

Nun könnte die Geschichte zu Ende sein. Doch sie beginnt erst. Was ich bis jetzt erzählte, ist mit eia Popeia ausgeschmückt worden und wird jedes Jahr um die gleiche Zeit, in den Kirchen der Welt vorgespielt. Doch was danach kam, wird mit einem Satz abgetan: ‚Die Flucht nach Ägypten.’ Mehr erfährt man nicht darüber. Es ist ja auch viel schöner, im warmen Stall sitzen, Krippenspiele anzusehen und „Stille Nacht, heilige Nacht“ zu singen.

Doch nein! Wind fledderte ihnen in den Haaren. Sie mussten sich durchkämpfen. Gegen den Wind. Auch gegen die eisige Kälte, nicht nur des Winters. Menschliche Kälte war und ist es. Und sie kam wie Eisbrocken geflogen. Leise rieselt der Schnee, ist alles andere als das, was ihnen entgegen stand.

Und das Kind? Keiner fragt, wie es dem Kind in dieser Gefühlskälte ging. Alle singen sie „holder Knabe im lockigen Haar“ und scheren sich einen Dreck darum, dass Maria und Josef mit dem Kind in eisiger Kälte aushalten mussten.

Das ist die Wahrheit von Weihnachten und die ist nicht einmal im Stern zu lesen…

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