Alleingang

Kommissar Sander schlug den Mantelkragen hoch. Eisiger Wind pfiff durch die enge Gasse. Eigentlich wollte er gemütlich zu Hause auf dem Sofa liegen, eine Zigarre paffen und „Tatort“ anschauen. Doch daraus wurde wieder mal nichts, denn sein kriminalistischer Scharfsinn sagte ihm, dass er sich noch einmal am Tatort seines neuesten Falles umsehen sollte. Gedankenversunken bog er in die nächste Seitengasse ein. Nun regnete es auch noch und finster war es, nur jede dritte Laterne gab Licht. In dem halb verfallenen Haus, auf das er zielstrebig zusteuerte, war der Strom abgeschaltet, das wusste er bereits. Mit einem Griff in die Manteltasche versicherte er sich, dass die Taschenlampe da war und lief weiter. Zwei Gedanken bewegten ihn. Zuerst dachte er an Penner Franz. Er wurde das Bild nicht los, wie dieser mit gespaltenem Schädel in einer Blutlache lag. Obwohl Sander schon viel gesehen hatte, schüttelte es ihn. Dann widmete er sich dem zweiten Gedanken. Wo ist die Tatwaffe abgeblieben? Hatte der Täter sie mitgenommen oder die Kollegen von der Spurensicherung Tomaten auf den Augen?

Die Haustür knarrte, als er sie aufschob. Das Geräusch kannte er schon. Der Lichtkegel der Taschenlampe huschte über die Wände. Da war nichts Auffälliges. Und in dem, was mal ein Wohnzimmer war: Auf dem Fußboden die Umrisse von Penner Franz und viel Blut. Vorsichtig tastete er sich weiter in den Raum, von dem er hoffte, dass er sein Geheimnis preisgab.

Ein lang gezogener Schrei vom Nachbargrundstück ließ ihn erschaudern. Gänsehaut lief ihm über den Rücken. Er wollte aus dem Haus rennen, um die Ursache zu erkunden. Noch einmal dieser markerschütternde Schrei, wie von einem Kind. Dann ein Fauchen und Rascheln – liebestolle Katzen…

Der Kommissar holte tief Luft und konzentrierte sich wieder auf seine Mission. Er wollte die Tatwaffe finden. Also suchte er den Raum ab. Schritt für Schritt arbeitete er sich vor. Nichts, keine Ritze in dem sonst baufälligen Haus. Durch eine quietschende Tür betrat er den Flur. Von ihm aus führte eine morsche Holztreppe nach oben. Vorsichtig setzte er seinen Fuß auf die erste Stufe und den zweiten nach. In der einen Hand hielt er die Taschenlampe, mit der anderen sich zaghaft am Geländer. Als er den linken Fuß auf die sechste Stufe setzte, knackte es verdächtig. Dann brach sie unter seinem Gewicht zusammen und Sander wäre fast rückwärts die Treppe herunter gefallen. Er erwischte das Geländer, welches zum Glück nicht aus der Halterung riss. Auf die vierte Stufe zurück getreten, leuchtete er unter das zerbrochene Brett. Da glänzte doch was, er sah genauer hin. Es sah aus wie ein großes Messer, was ihn da anblinzelte. Vorsichtshalber zog er ein Tuch aus der Manteltasche, um mögliche Fingerabdrücke nicht zu zerstören, griff zu und hatte ein Bajonett in der Hand. Doch er frohlockte zu früh, es war nicht die Tatwaffe, statt mit Blut war es mit Staub bedeckt.

Vorsichtshalber stieg er trotzdem nach oben, doch ohne Erfolg. Ihn beschlichen schon Zweifel, ob es denn überhaupt Sinn machte, im Finsteren weiter zu suchen. Langsam trat er den Rückzug an, zog die knarrende Tür hinter sich zu und beschloss wenigstens eine Runde ums Haus zu drehen.

Die Batterien seiner Taschenlampe gaben auch den Geist auf. Doch was sich der Kommissar einmal vorgenommen hatte, führte er durch. Und wenn es sein musste, bis zum bitteren Ende, welches an der nächsten Ecke lauerte. Fast nichts sehend schlich er vorwärts und dann, er kam nicht einmal dazu einen Schrei auszustoßen, knallte ihm etwas mit Wucht an den Kopf. Fast hätte es ihn umgeworfen, doch er blieb standhaft. Seine Stirn fühlte sich seltsam feucht an, er wischte vorsichtig mit dem Taschentuch drüber. Als er es in den trüben Schein der Lampe hielt, sah er, dass es blutig war. Den Angreifer konnte er festnehmen. Es war der Stiel einer Hacke, auf die er getreten war. Außerdem fröstelte ihn und er gab sich den dienstlichen Befehl, nach Hause zu gehen. Die Tatwaffe mögen am nächsten Tag andere suchen, ihm reichte es erst einmal.

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