Die Berghütte

Leise Musik durchströmte Michaels kleine Wohnung. Bei gedämpftem Licht ging es ihm gut. Gemütlich lag er auf seinem Sofa. So ließ es sich leben, was braucht der Mensch noch mehr...
Doch genau um das „mehr" kreisten seine Gedanken. Sie führten ihn zu einem Straßencafé. Vor zwei Wochen geschah es: Michael war in der Stadt unterwegs. Als er auf das Café zulief sah er eine junge Frau, die etwas ungläubig auf ihre Sandale schaute. Ganz gegen seine Gewohnheiten sprach er sie an: „Kann ich helfen?"

„Ich weiß nicht", antwortete sie. „Das Riemchen meiner Sandale hat einen Riss und ich befürchte, dass ich auf Socken nach Hause laufen muss."

„Und wenn ich doch helfen kann? Als praktisch denkender Mann habe ich immer eine Nadel und Faden bei mir. Darum schlage ich vor, wir setzen uns, ich spendiere einen Kaffee und werde die Sandale etwas sticheln."

Während die junge Frau sagte: „Das nehme ich gern an!" steuerten sie schon auf einen freien Tisch zu.

Der junge Mann zauberte aus seiner Geldtasche Nadel und Faden, dabei stellte er sich vor: „Man ruft mich Michael."

„Und ich höre auf Susanne." Nachdem der Ober die Bestellung aufgenommen hatte, schob Michael seinen Stuhl etwas zurück. Susanne hatte ihm unter dem Tisch die Sandale durchgereicht. Mit seinen geschickten Händen nähte er Stich für Stich das Riemchen wieder zusammen. Als der Kaffee kam, war er schon fertig und übergab die Sandale feierlich ihrer Besitzerin. Eine Frau am Nebentisch, die alles aus den Augenwinkeln beobachtet hatte, applaudierte dezent. Michael war es fast ein wenig peinlich und er war dankbar, dass nicht noch mehr Gäste seinen Samariterdienst bemerkt hatten.

Ein zweiter Kaffee wurde benötigt, denn sie konnten gut miteinander reden. Michael hielt sich zurück, er war etwas schüchtern, aber kein schlechter Gesprächspartner. Susanne hingegen plauderte manchmal wie ein Wasserfall, das gefiel Michael. Musste er doch dadurch selbst nicht so viel reden. Eine Gemeinsamkeit kristallisierte sich schon nach kurzer Zeit heraus. Beide waren die meiste Zeit alleine in dieser wunderschönen Stadt. Susanne lebte noch nicht lange hier. Sie studierte im ersten Semester Kunst und wollte gern Malerin werden. Für Grafik interessierte sie sich auch. Michel hatte eine leitende Stellung in der Firma seines Vaters und dadurch nicht so viele Freiräume. Bevor sie sich verabschiedeten gaben sie einander ihre Telefonnummern. Vor ein paar Tagen hatte Susanne angerufen, sie wollte einfach mal wissen, wie es Michael geht.

Jetzt bin ich dran, dachte Michael. Ob Susanne sich freut, wenn ich sie anrufe? Sollte sie am Wochenende nichts vorhaben, frage ich ob sie mit zu unserer Berghütte kommen möchte. Schon hielt er den Hörer in der Hand, suchte die Nummer und drückte auf die Wähltaste. Nun komm schon geh ran, dachte er ungeduldig. Susanne hatte an der Nummer erkannt, dass es Michael ist und meldete sich mit: „Hier ist das Wasserwerk, unser Büro ist leider nicht besetzt, bitte piepen sie nach dem Pfeifton."

„Hey Susanne, ich freue mich, deine Stimme zu hören. Hast du in den nächsten zwei Tagen schon was vor?"

„Was magst du, dass ich antworte?"

„Wenn du es so siehst, dann frage ich doch gleich: Wie lautet deine zustimmende Antwort? Möchtest du mit mir zu unserer Berghütte fahren?"

„Die Überraschung ist dir gelungen und ich habe tatsächlich noch nichts geplant - ja ich würde gern mitkommen. Wann soll es losgehen?"

„Morgen, gegen 9 Uhr hole ich dich ab. Ziehe bitte feste Schuhe und robuste Kleidung an, um alles andere kümmere ich mich. Dann bis morgen, ich freue mich."

„Ich auch", antwortete Susanne, „ich wohne im Studentenwohnheim und werde pünktlich unten stehen, mach's gut!"

In freudiger Erwartung auf das gemeinsame Wochenende sprang Michael die Treppe runter. Er musste jetzt noch einiges einkaufen. Diesmal wollte er es bei exquisitem Dosenfutter bewenden lassen. Vielleicht gibt es ein zweites Mal, dann wäre mehr Zeit für die Vorbereitung und er würde was Leckeres kochen. 

Anscheinend war da nicht nur ein Faden durch das Riemchen der Sandale gewandert. Ein anderer Faden baute eine Verbindung zwischen zwei Menschen auf, die einander nicht gesucht, aber vielleicht gefunden hatten. Beide hatten sie eine traumreiche Nacht. Susanne träumte mit Michael an einen kleinen See zu stehen in dem sich der Himmel spiegelte. Fische tummelten sich darin und Wildenten schwammen mit ihren Küken darauf. So viel hatte sie sich merken können.

Michael träumte, dass sie miteinander auf der Bank vor der Hütte saßen. Susanne hatte sich an ihn gelehnt und als er über ihre Haare streicheln wollte, wachte er auf...

Am Morgen hatte Susanne, wie fast alle Frauen die einen gut gefüllten Kleiderschrank haben, ein Problem. Was sollte sie anziehen? Robust musste es sein, gefallen wollte sie Michael auch. Durch einen zu eng anliegenden Pulli wollte sie aber auch nicht mit der Tür ins Haus fallen. Sie entschied sich für eine sportliche Hose und zog einen lockeren Pulli drüber. Ihre langen schwarzen Haare band sie zusammen. In eine kleine Tasche packte sie die nötigsten Dinge, die sie brauchte, um woanders übernachten zu können. Nun noch die Wanderschuhe angezogen, den Fotoapparat gegriffen und es konnte losgehen. Vom blauen Himmel schickte die Sonne ihre warmen Strahlen, das musste ein wunderschöner Tag werden. Kurz nachdem sie vor die Tür getreten war, sah sie einen silbergrauen Golf von der Hauptstraße einbiegen. Sie musste nicht lange rätseln, es war Michael. Er hielt das Auto an, stieg aus, um Susanne zu begrüßen.

„Nun aber los, ich kann es kaum erwarten in der Hütte zu sein und mit dir an dem kleinen See zu stehen, von dem ich geträumt habe.", begrüßte ihn Susanne.

„Wie, du hast von mir geträumt?"

„Ja, du etwa auch von mir?"

„Und ob, ich saß mit dir auf der Bank vor der Hütte. Aber den See gibt es wirklich, es wird dir gefallen."

Während der Fahrt, die etwa eine Stunde dauerte, redete Susanne. Das war Michael recht, da konnte er sich auf den Verkehr konzentrieren und seinen Gedanken nachhängen. Susanne erzählte, dass sie auf dem Lande lebte, das erste Mal in einer größeren Stadt ist und dass ihr Studium Freude macht. Michael tat es gut, denn so lenkte sie ihn auch von seinen leichten Bauchschmerzen ab. Er hatte es sich nämlich nicht träumen lassen, dass er so plötzlich mit einer wunderschönen Frau, allein in der Hütte sein sollte. Die Hütte lag am Fuße eines Berges, sie fuhren mit dem Auto auf einen kleinen Parkplatz vor der Hütte. Als sie ausgestiegen waren konnte sich Susanne nicht satt sehen an der wunderschönen Landschaft, die sie umgab. „Nun lass uns die Sachen in die Hütte tragen und dann mal um den See laufen. Das schaffen wir bis zum Mittag", sagte Michael und öffnete den Kofferraum. Sie trugen alles hinein und Susanne kam aus dem Staunen nicht raus. Der Tisch, die Eckbank samt Stühlen waren aus Eichenholz, rustikal aber wunderbar gearbeitet. Noch mehr staunte sie über die Schränke. Sie waren mit schlichter Bauernmalerei verziert, genauso wie Schrank, Kommode und Bett im Schlafraum. Ein offener Kamin befand sich im Wohnraum und als ob tiefer Winter wäre, lag genug Holz daneben. Doch die Sonne schien warm und hell, darum wollten sie sich jetzt nicht verweilen, sondern nach draußen eilen. Der See wartete mit seinen Fischen, Enten und Schwänen. Fotoapparat nicht vergessen und los gelaufen.

Für Susanne war es im doppelten Sinn wie im Traum. Immer wieder gab es Neues zu sehen. Bussarde kreisten über ihnen, ein Reiherpaar erhob sich in die Luft, um über den See zu fliegen und auf einer Wiese äste in Waldnähe ein Rudel Rehe. Zwei Hasen setzten sich auf die Hinterläufe, stellten die Ohren auf, um bald davon zu hoppeln. So verging die Zeit, indem sie nicht nur nebeneinander her liefen, sondern einander immer wieder ansahen. Wenn sich ihre Augen trafen, lächelten sie sich zu, am Anfang noch etwas verlegen. Doch das löste sich. Als sie auf der anderen Seite des Sees zurück liefen, fanden sich ihre Hände. Nach ein paar Minuten blieb Michael stehen, drehte sich zu Susanne, sah ihr tief in die Augen und sagte: „Du bist so wunderschön, wie eine Lilie." Susanne war sprachlos, doch sie musste auch nichts sagen, denn ihre Augen strahlten. Michael führte sie näher an den See heran. Nun sah Susanne die gelben und blauen Wasserlilien und ihr Gesicht leuchtete noch mehr. Michael brach einige ab und gab sie ihr „Für die schönste Lilie, die mir in meinem Leben begegnet ist." Susanne rollten ein paar Freudentränen aus ihren glitzernden Augen. Mehr als „danke" konnte sie nicht sagen. Aber sie sagte es so süß, dass Michaels Augen auch feucht wurden...

Langsam gingen sie, sich fest an den Händen haltend, zur Hütte. Michael richtete das Mittagessen. Schnell war es auf einem Propangaskocher warm. Susanne deckte den Tisch. Michael hatte an alles gedacht, sogar Nachtisch gab es und als Krönung einen kräftigen Mokka. Und weil sie am Nachmittag auf den Berg steigen wollten, legten sie sich Kopf an Kopf auf die Eckbank, um eine Stunde auszuruhen.

Susanne war doch tatsächlich eingeschlafen. „Wach auf, meine wunderschöne Lilie" hörte sie fast wie im Traum. Es dauerte nicht lange und sie befand sich wieder in der Wirklichkeit - mit Michael in einer Berghütte. „Nun wollen wir den Berg bezwingen und hoffen, dass er uns nicht bezwingt", sagte Michael und reichte Susanne einen Wanderstock. Ihr Weg führte sie zuerst über Wiesen, auf denen sie viele schöne, auch seltene Blumen fanden. Silberdisteln, Bergalpenveilchen, Rittersporn, Akelei und noch mehr sahen sie. In den höheren Regionen, als sie den Wald hinter sich gelassen hatte, wuchs blauer Enzian und Edelweiß neben den Felsen. Dort sprudelte aus einer Quelle kristallklares Wasser. Sie hielten ihre Hände drunter, um davon zu trinken. Kurz bevor nur noch Felsbrocken, manchmal mit Moos überzogen, ihren Weg kreuzten, standen sie vor einer Kiefer. Von Wind und Wetter war sie zerzaust. Ihre grünen Nadeln zeugten vom Leben, was noch in ihr war. In Augenhöhe hatte sie eigenartige Narben. Buchstaben, in ein Zeichen geschrieben, zeugten davon, dass mal ein Mensch mit einem Messer am Werke war. „Mein Vater hat das eingeschnitten, als er vor 30 Jahren mit meiner Mutter das erste Mal hier oben war. Auf der Rückseite ist noch Platz. Wollen wir uns auch verewigen?"

„Als praktisch denkender Mann hast du sicher ein Messer einstecken. Wenn du magst, ich finde es romantisch, ich will aber kein Orakel draus machen."

Nachdem Michael sein Kunstwerk vollendet hatte, stiegen sie zum Gipfel und hatten eine herrliche Aussicht. Aber nicht nur das. Am Horizont sahen sie einen schwarzen Punkt, der immer größer wurde. Michael kannte diese Erscheinung. So kündigte sich meist ein Unwetter an. Susanne wäre gern noch geblieben und hätte sich mit Michael ein wenig auf das weiche Moos gelegt, einfach um ihm nahe zu sein. Doch er bestand darauf, dass sie sich auf den Rückweg begaben. Als sie in den Wald hinein liefen, bemerkte Susanne auch, dass sich immer mehr Wolken am Himmel tummelten. Es begann bedrohlich zu rauschen, wurde duster, fast finster. Der Wind wurde zu Sturm und heftiger Regen setzte ein. Ihr Glück war, dass die letzten 800 Meter allmählich bergab gingen. Sie mussten nur aufpassen, dass der Sturm sie nicht wie Blätter hinunter wedelte. Sich aneinander fest haltend ließen sie sich treiben und landeten wohlbehalten vor der Hütte. Schnell hinein und was nun. Sie blickten sich an, lachten und zogen sich die nassen Sachen vom Körper. Michael brachte Tücher, mit denen sie sich trocken reiben konnten. Gut, dass Holz in der Hütte war, denn sie froren. Michael entfachte Feuer im Kamin. Susanne hängte die Sachen so, dass sie bald trockneten. Als das Feuer brannte und Michael sich umdrehte standen sie sich so, wie sie geschaffen waren, gegenüber. Wieder mussten sie lachen, die Situation war einfach zu komisch, weil nicht beabsichtigt. Michael ging auf Susanne zu und sagte verwundert: „Was ist das für eine wunderschöne Perle an deiner Kette?"

„Diese Kette ist von meiner Uroma. Meine Mutter gab sie mir, als ich wusste, dass ich in eine Stadt ziehe, um zu studieren. Sie sagte dazu: ‚Die Perle möge dich beschützen, wenn du in der fremden Stadt bist.' Du bist der Erste, der die Perle sieht, sonst habe ich sie noch niemand gezeigt."

Michael brauchte darauf nichts zu erwidern. Er ging noch einen Schritt auf Susanne zu, zog sie sanft in seine Arme und drückte sie an sich.  So standen sie eine halbe Ewigkeit, in dem Bewusstsein: Wenn das, was Michael in den Baumstamm geschnitten hat wahr bleiben soll, darf jetzt nicht mehr geschehen. Als sie sich, nach der halben Ewigkeit, voneinander lösten, war es im Raum schön warm. Es dauerte nicht mehr lange und ihre Sachen waren getrocknet. Wieder angekleidet, wurde ihnen erst richtig bewusst, was da gerade geschehen war. Es sollte eine der schönsten Begebenheiten ihres gemeinsamen Lebens bleiben.

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