Flügel

Schwarz, auf drei Beinen, steht er rum. Was nutzt ihm die wunderschöne Schwingung in seinem Körper. Niemand beachtet ihn mehr. Und dabei hätte er allen Grund stolz zu sein, denn auf ihm ist mit großen Buchstaben „Bechstein“ zu lesen. Ja, er kannte bessere Zeiten. Doch nun bröckelt ihm Putz von der Decke des Saales auf seine schwarzen Deckel. Sie sind lange nicht mehr geöffnet worden. An einigen Stellen blättert schon Furnier ab, so feucht ist es in dem Raum. Ob man die schwarzen noch von den weißen Tasten unterscheiden kann? Und verstimmt ist er, so richtig arg verstimmt. Dazu hat er ja allen Grund, denn schon viele Jahre hat ihn niemand mehr geöffnet um seine wohlklingenden Töne aus ihm raus zu kitzeln.. Ja die gute alte Zeit. Was ist nur aus der früher immer gefüllten Konzerthalle geworden – eine Ruine, deren Dach wahrscheinlich vom nächsten Sturm mitgenommen wird…

Wehmütig denkt er an die schönen Zeiten zurück, als ihn, den berühmten Konzertflügel, alle ehrfurchtvoll bewunderten. Und nicht nur ihn bewunderten sie, auch die Künstler, die ihre Finger mal gefühlvoll und manchmal voller Temperament über seine Tasten gleiten ließen.

Fast alle Musik, die man sich denken kann, von Bach bis Beat und noch viel mehr, ist aus ihm heraus geflossen. Gern denkt er an die Schülerkonzerte zurück. Die aufgeregten Kinder, die schlaksigen Jugendlichen, sie mochte er besonders. Bevor sie ihre Konzerte gaben war er selbst Tagelang mehr als aufgeregt. So manche Träne sah er rollen, aber auch erlöstes Lächeln oder gar Jubeln, nach besonders viel Applaus. Er mochte sie alle, die schüchternen Anfänger und die selbstbewusst auftretenden Könner.

An Artur Rubinstein erinnert er sich. Dieser weltberühmte Pianist ist mit seinen Fingern über die Tasten geklettert und hat das Publikum mit seinem Spiel begeistert. Auch die Schüler durften alle zuhören, manchen hat es beflügelt mehr zu üben. Doch leider wird er nicht erfahren, ob aus ihnen kleine oder große „Rubinsteins“ geworden sind. Sogar Manfred Krug und Helge Schneider hatten sich auch mit ihm angefreundet. Er mochte sie, denn sie sind so ganz anders. Es muss ja nicht immer Klassik sein.

Einmal hatten Jugendliche Reißzwecken auf die Hämmerchen gepiekt, als sie spielten klang es wie in einem amerikanischen Saloon. Das gefiel ihm und wenn er daran denkt, muss er immer schmunzeln. Leider haben die Jungen etwas Ärger bekommen. Sie hätten den teuren Bechstein versaut. Und was ist jetzt? Jetzt gammelt er vor sich hin, in der abrissreifen Konzerthalle.

Apropos Abriss, da erscheinen doch eines Tages drei Herren. Sie stehen neben dem teuren Bechstein und beratschlagen, wie das Haus am kostengünstigsten abzureißen wäre. Als sie ihre Gedanken dabei auch auf den Flügel lenken, meint einer eine witzige Bemerkung machen zu müssen und fragt die anderen: „Wissen sie, was ein Kotflügel ist?“. Sie wissen es nicht, drum gibt er ihnen die Antwort: „Ein Kotflügel ist ein scheiß Klavier.“ Als das der Flügel hört, wäre er am liebsten in den Boden versunken, so schämt er sich für diesen Kunstbanausen. Vor Schmerz verzieht er sich und mit lautem Knall reißt eine Saite. Die drei „Abrissbirnen“ erschrecken so sehr, dass sie in Windeseile aus dem Gebäude rasen.  

Kommentar schreiben

Kommentare: 0