Abkürzung

Ja, so ist es, wenn man älter wird, Erinnerungen kommen hoch.

Als Spätzünder heiratete ich mit 35 – eine junge Frau mit zwei lieben Kindern. Dachte, wenn die Kinder schon fertig sind, muss ich mich nicht so anstrengen. Hab es trotzdem getan, es sind noch vier dazu gekommen.

Wieso erzähle ich das eigentlich? – Ach ja, jetzt weiß ich es wieder. Es war gleich am Anfang unserer Ehe, meine Frau hatte die Idee. Sie meinte, wir sollten mit den Kindern einmal eine Woche Urlaub in einem Hotel machen. Gesagt getan, im Zittauer Gebirge wurde eine Woche Hotelaufenthalt gebucht.

An viele Einzelheiten kann ich mich nicht erinnern. Es war einfach schön, das Hotel und die Gegend, die wir erkundeten. Immer mit der Angst, dass die Kinder irgendwo runter fallen könnten, denn da gibt es Felsen zum klettern.

An einem Abend blieb ich noch an der Bar. Meine Frau war mit den Kindern schon ins Zimmer gegangen, sie wollte sich ausruhen. Und ich nutzte die Gelegenheit noch was zu trinken. Wie das so ist mit einem einsamen Zecher, wahrscheinlich trank ich ½ Glas zu viel und versuchte dann so leise wie möglich in unser Zimmer zu gelangen.

Vorsichtig die Türklinke runter gedrückt, langsam die Tür aufgeschoben. Der Fernseher lief. Was sieht meine Frau für komische Sachen? Noch leiser schlich ich hinein, am Bad vorbei, bis ich vor dem Bett stand.

Wieso liegt ein altes Ehepaar in meinem Bett und nicht meine junge Frau?

Irgendwie reagierte ich noch recht gut. So leise wie ich kam, aber schneller, verließ ich den Ort des Schreckens. Es gelang mir, die Tür ohne Knall zu schließen, ich lauschte. Keiner verfolgte mich – uff, das war noch mal gut gegangen.

Als ich auf die Zahl starrte, die an der Tür stand, fiel es mir wie Schuppen aus den Haaren. Ich hatte abgekürzt, war im 2. statt im 3. Stock gelandet.

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Kommentare: 1
  • #1

    P.S (Sonntag, 19 Januar 2014 20:25)

    Hallo Folkmar ein sehr schönes Gedicht.