Bewahrung

1973 begann ich in der Sächsischen Schweiz, schon 28 Jahre alt, zu klettern. Selbst noch Anfänger nahm ich Uranfänger mit und kletterte mit ihnen Wege im mittleren Schwierigkeitsbereich. Im Nachhinein sehe ich es als sehr leichtsinnig an. Pfingsten fuhr ich mit zwei Jugendlichen ins Bielatal. Unser Glück war, dass wir in einer richtigen kleinen Höhle übernachten konnten, denn in der Nacht zum Samstag regnete es. Obwohl die Felsen noch nicht richtig trocken waren, wollten wir klettern.

Am Zarathustra hatten wir uns die Ostwand vorgenommen. In der etwa 20 m hohen Wand war ein fast gerade laufender Handriss. Es war mein 15. Weg, den ich im Vorstieg klettern wollte. Er war mit Schwierigkeit IV angegeben, was für einen Anfänger als schwer anzusehen ist. Dazu kam, dass ich wirklich kaum Ahnung hatte und die Risstechnik nicht beherrschte, ich wollte die Griffe und Tritte der Wand nutzen.

Am Felsen angekommen haben wir uns ins Seil eingebunden. Klettergurte gab es damals in der DDR nicht. Und schon kletterte ich los. Nach drei Metern hätte ich eine Sicherungsschlinge legen können, verzichtete drauf und weiter ging es. Doch in fünf Meter Höhe angekommen wurde ich gebremst. Der Felsen war überhängend, was man von unten nicht sah, ich kam nicht weiter. An dieser Stelle war es auch nicht möglich eine Schlinge zu legen. Noch war ich voller Tatendrang, versuchte hoch anzutreten und schob mich, mit der Zehenspitze auf einer kleinen Felsnase stehend, langsam nach oben. Ich hoffte einen Griff zu finden, an dem ich mich hoch ziehen konnte, um dem Überhang zu überwinden. Doch irgendwie war ich zu kurz, bis zum nächsten Griff fehlten 10 cm. Also wieder in die Ausgangsposition zurück.

Dort stand ich zwar recht gut, musste aber irgendwann weiter. Zurück klettern war auch nicht, das ist schwieriger als hoch. Vorsichtshalber schaute ich nach unten, um zu sehen, was mich erwartet wenn ich abstürze. Mit Sicherheit wär ich auf einen der quadratischen Brocken aufgeschlagen und das soll schmerzhaft sein. Also noch einmal versuchen hoch zu kommen. Nach dem dritten Versuch rutschte ein Fuß vom Tritt, zum Glück konnte ich mich mit den Händen halten. Noch zwei Versuche und so wie meine Kräfte schwanden nahm die Angst zu.

Viel Zeit zum Überlegen hatte ich nicht mehr, meine Gedanken rasten in Panik. Jetzt wusste ich, was „Todesangst“ ist, ich konnte mir nicht vorstellen lebend aus dieser Situation zu kommen.

Meine Freunde langweilten sich unten weil es nicht weiter ging und was dann passierte kann ich gar nicht so schnell erzählen wie es geschah. Beide Füße rutschten ab, ich merkte, dass ich mich mit den Händen nicht halten konnte. Mein letzter Gedanke war ein Stoßgebet: „Herr hilf.“

In dem Moment wusste ich, dass ich abgestürzt bin. Bevor ich ohnmächtig wurde, hatte ich den Eindruck als schöben sich zwei Hände unter mein Gesäß. Den Film meines Lebens sah ich im Bruchteil einer Sekunde in mir vorüber ziehen. Dann wurde mir schwarz vor Augen. Als ich wieder zu mir kam dachte ich, ich wäre tot.

So richtig nahm ich mich nicht wahr, blickte aber nach unten um zu sehen wo ich hin gefallen bin. Statt unten zu liegen stand ich noch am Felsen. Aber nicht dort wo ich vorher war und stellte fest, dass ich lebe. Nur der Riss fehlte, direkt vor mir hätte er sein müssen, ich stand mit weit gegrätschten Beinen an der Wand, etwa zwei Meter rechts neben dem Riss und auch zwei Meter weiter oben. Meine Freunde, welche unten waren, haben nicht gesehen wie ich dort hingekommen bin. Sie sahen nur meine Mütze an einer Stelle runter fallen, wo ich eigentlich nicht sein konnte.

Unter meinen Füßen befanden sich genug Tritte, so konnte ich, nachdem ich mich aufgerichtet hatte, nach links queren um den Riss wieder vor mir zu haben. Nachdem ich Gott für diese Bewahrung gedankt hatte, legte ich eine Sicherungsschlinge und bin ich weiter geklettert. Auf dem Gipfel angekommen kam ich mir vor wie eine ausgequetschte Zitrone und war froh, dass ich eine Vertiefung mit Regenwasser fand. Nachdem ich getrunken hatte, sicherte ich meine Freunde hoch und wir freuten uns, dass ich den Sturz so wunderbar überlebt hatte.

Inzwischen ist der Weg auf Schwierigkeit VI hoch gestuft worden. Wenn damals im Kletterführer eine VI gestanden hätte, wäre ich diesen Weg nicht geklettert.

Seitdem ist mir Ps. 91, 11 u. 12 ganz wichtig geworden:

Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.

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