Der Sprung

Meine vier jungen Freunde, denen ich in den Jahren zuvor das Klettern beibrachte, wollten unbedingt den Sprung zur Falkenspitze wagen. Am 8. Oktober 1976 begaben wir uns in das Bielatal. In der Nähe der tschechischen Grenze fanden wir den Gipfel, dem man vom Massiv aus auf den Kopf blicken konnte. Es war ein Sprung vom Massiv zum Gipfel. Dieses bedeutete, man musste weit und hoch springen, um die drei Meter Kluft hinter sich zu lassen. Schwierigkeit 3 stand im Kletterführer. Die schwersten Sprünge sind mit 4 bezeichnet. Wir bereiteten alles vor. Zwei meiner 17 bis 19jährigen Freunde wollten springen, die anderen überlegten es sich noch.

Der Erste sprang und landete wohlbehalten auf dem Gipfel. Sein Bruder folgte ihm. Nun war ich an der Reihe. Fast doppelt so alt wie sie wollte ich keine Schwäche zeigen. Mehr als vier Schritte Anlauf waren nicht möglich, es begann der Wald. Zu viel Seilvorgabe wäre auch nicht gut. Also lief ich los und traute mich nicht zu springen. Irgendwie war mir etwas mulmig, ich band mich auch aus dem Seil und fragte einen der Anderen, ob er springen will. Er wollte noch nicht und ich wollte mir keine Blöße geben und band mich wieder ein.

Vier Schritte, knapper Absprung, denn drei Meter waren ja zu überspringen. Allen Mut nahm ich zusammen, rannte los, bremste und befand mich trotzdem über dem Abgrund. Dass ich fotografiert wurde, wusste ich nicht. Dafür wusste ich etwas anderes: ‚Ich schaffe es nicht.’ Doch als ich das dachte, verspürte ich einen Schubs im Rücken und ehe ich mich versah, landete ich auf dem Gipfel. Nicht auf den Füßen, sondern auf den Knien. Bei allem hatte ich weder einen Kratzer noch einen blauen Fleck.

Mein Freund, der das Foto schoss erzählte, dass ich den Absprung verzögerte und durch den Schwung fast wie aus dem Stand gesprungen bin. Er hatte den Eindruck, ich würde wie in Zeitlupe rüber schweben, darum konnte auch das Foto entstehen.

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Kommentare: 1
  • #1

    Steffen (Mittwoch, 16 April 2014 11:47)

    Das waren Zeiten! Super