Durchfall

„Bis dann, zum Mittagessen komme ich nach Hause.“ So verabschiedete ich mich am Samstag, den 8. Mai 1989 von meiner Frau, um zu unserer Baustelle zu fahren. In der Vorstadt von Görlitz hatten wir ein Haus gekauft. Es musste von oben nach unten saniert werden – fast alles in Eigenleistung. An diesem Tag wollte ich im 3. Stock die alten Dielen rausreißen. Den 2. Stock hatte ich schon von seinen Deckenbrettern und Dielen befreit, nun sollte es oben weiter gehen. Im Haus angekommen bewaffnete ich mich mit einer Brechstange, erklomm die Treppe und begann zu arbeiten.

Es ging richtig gut vorwärts und dabei vergaß ich, dass ich mich in einem alten Haus befand. Zwischen den Balken lagen Bretter auf die ich mich stellte, um die Dielen nach oben zu drücken. Hätte ich sie mir nur vorher genauer angesehen. Beim nächsten Brett, welches ich hoch drückte knisterte es gefährlich unter mir. Noch bevor ich reagieren konnte, krachte es. Nicht das Brett drückte ich hoch, sondern mich nach unten.

Zuerst verspürte ich einen dumpfen Schlag, wo kann ich nicht sagen, nur dass es den ganzen Körper erschütterte und sehr schmerzhaft war. Wie auf einer Feder wurde ich von dem dicken Balken, auf dem ich aufschlug, nach oben geschnipst um noch tiefer zu fallen. Auf einem wenige Zentimeter hohen Dreckhaufen schlug ich auf. Es stiebte, dann krachte noch einmal. Sehr knapp neben meinem Kopf rammte sich die Brechstange ins Holz der Dielenbretter vom zukünftigen Wohnzimmer.

Vorsichtshalber blieb ich erst mal liegen. Obwohl ich etwas benommen war, registrierte ich dankbar, dass mich die Brechstange verschont hatte. Ängstlich bewegte ich Füße, Beine, Hände und Arme. Der Kopf schmerzte besonders, doch eigentlich war fast keine schmerzlose Stelle am Körper. An der Stirn fühlte sich was feucht an – Blut lief…

Immer noch benommen stand ich auf, humpelte die Treppe ins Erdgeschoss hinunter, um mich am einzigen Wasserhahn notdürftig zu waschen. Nur jetzt nicht aus den Latschen kippen. Mühsam schleppte ich mich in die Werkstatt, um mich auf die Hobelbank zu legen. Erst mal ausruhen, damit sich der Kreislauf stabilisiert und überlegen, was weiter zu tun ist.

Den Plan, mit dem Auto nach Hause zu fahren, verwarf ich und klingelte beim Nachbarn, einem Arzt. Als er mich sah, waren seine ersten Worte: „Ich bringe sie in Krankenhaus.“ Und er brachte mich hin. Dort durfte ich mich, im langen Gang, auf eine fahrbare Trage legen. Bevor er ging bat ich den Nachbarn meine Frau anzurufen und ihr zu sagen, dass ich zum Mittagessen nicht nach Hause komme.

Nach einer Stunde bemerkte eine Ärztin, dass sie mich noch nicht gefragt hat, was ich im Krankenhaus will.

Nachdem ich ihr sagte, dass ich durch 2 Stockwerke unsres Hauses gefallen bin, wollte sie Namen, Anschrift und Beruf wissen. Damals arbeitete ich als Bestatter und sagte bei Beruf: „Das Krankenhaus ist unser Zulieferbetrieb.“ Das behagte ihr anscheinend nicht, denn es dauerte noch eine Stunde, bis sie mich zum Röntgen bringen ließ. Bei dieser Gelegenheit erkannte der Arzt, dass ich eine Platzwunde am Kopf habe, die genäht werden muss. Außerdem stellte er fest, die Halswirbelsäule ist gestaucht und eine Gehirnerschütterung müsste ich auch haben sowie Prellungen am ganzen Körper. Nachdem er die Platzwunde genäht hatte, wurde ich wieder runter in den Gang gebracht und dort abgestellt. Irgendwann kam meine Frau. Ihr wurde gesagt, es sei alles nicht so schlimm, ich müsste bis 17 Uhr zur Beobachtung bleiben, dann könnte sie mich nach Hause holen.

Kurz vor 17 Uhr schwirrte die Ärztin mit einer Krankenschwester vorbei und bemerkte: „Der ist ja immer noch blass.“ Darauf sagte ich: „Nicht immer noch, schon wieder, mir ist schlecht vor Hunger.“ Anstatt mir was zu essen zu besorgen, meinte die Ärztin: „Wenn es ihnen so schlecht geht, behalten wir sie hier“ und schickte meine Frau wieder weg, als sie mich holen wollte.

 

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