„Himmelfahrtskommando“

Eigentlich gehörten Conny, Frank, Susi und Albrecht zu denen, die noch Monate vorher Häuser in Görlitz besetzten und sich mit den Neo-Nazis Straßenschlachten lieferten. Doch am Himmelfahrtstag, im Jahr 1994 sehen wir sie aus einer Bruchbude auf der Hotherstraße Müll heraus tragen. Im Hof steht ein großer Container, ihm wollten sie den Unrat anvertrauen. Das Haus wurde ihnen und ihren Freunden, von der Stadt zur Verfügung gestellt. Sie hatten durch die Besetzung des „Scharfrichterhauses“ auf sich aufmerksam gemacht. Anders waren die Stadträte und Bürgermeister nicht dazu zu bewegen gewesen ihre Bitte um ein Haus zu erhören. Ein Jugendklub sollte es werden. Noch sah alles nicht so aus. Notdürftig konnten sie das Dach flicken, innen wie außen war kaum Putz an den Wänden, im Erdgeschoss faulten die Dielenbretter. In einigen Fenstern befanden sich keine Scheiben mehr. Müll, Unrat, sogar Asche der Nachbarn füllte den unteren Raum.

Die Vier arbeiten fleißig, am nächsten Tag soll der Container abgeholt werden. Sie wollen ihn bis zum Rand füllen, doch dann kommt alles anders. Gebrüll dröhnt die Straße rauf. Von Süden her ziehen mindestens 20 meist glatzköpfige Jugendliche heran. Aus dem „Haus der Begegnung“ kommen sie, einem von Bund und Land geförderten Projekt. Leider kann man sich dort nicht begegnen, denn das Haus ist von den Neo-Nazis belegt. Den verantwortlichen der Stadt ist es ganz recht. Man hofft, sie so unter Kontrolle zu haben. Leider kontrolliert niemand. „Sieg Heil“ brüllend ziehen sie heran. Das obwohl sie nicht wissen, welchen Sieg sie meinen und wo das Heil herkommen soll. Denen, die ihre Freizeit opfern um ein Haus zu haben, in dem sie sich und anderen begegnen können, rutscht das Herz in die Hosentasche. Angst macht sich breit. Die da kommen hatten vor Monaten Molotowcoctails in ein Haus geworfen, in dem sie sich befanden. Was haben sie jetzt vor?

Conny, Frank, Susi und Albrecht hasten die Treppe hoch und verschanzen sich im Obergeschoss. Vor Angst zittern sie, der Übermacht sind sie nicht gewachsen. Die Bedrohung rollt heran, „Sieg Heil“ – „Sieg Heil“, wenn sie nur Heil bringen würden, doch sie wollen Zerstörung. Gewaltsam dringen sie ins Haus ein und zerschlagen das Wenige, was noch ganz ist. Dann werfen sie eine Kreuzhacke durch eins der oberen Fenster. „Wir wollen mit euch reden“, brüllen sie hoch. Es sieht aber nicht aus, als ob an ein friedliches reden gedacht ist.

Alex und Grit kommen mit dem Fahrrad, sie wollen beim Entrümpeln helfen. Als sie sehen, was los ist, fahren sie schnell weiter zu Andrea. Von dort rufen sie die Polizei an und bekommen zur Antwort: „Wir schicken mal jemand vorbei.“ Dietmar, Andreas Vater, rufen sie im Büro an. Da es nur noch wenige Minuten bis zu seinem Dienstschluss waren, fährt er bald zum Ort des Geschehens. Im Haus wird die Situation immer bedrohlicher. Einige der Randalierer rennen die Treppe hoch, um das Obergeschoss zu stürmen. Anscheinend war das mit „Sieg“ gemeint.

Was jetzt, sagt Conny. Hier ist ein Feuerlöscher, jubelt Susi. Sie gibt ihn Frank, der ihn in Richtung Treppe hält. Vorher entsichert er ihn und als die erste Glatze auftaucht, dreht er, laut Anweisung, das Rad nach links. So spült Frank die „Rechten“ die Treppe runter. Die Gefahr ist erst einmal abgewendet. Inzwischen fährt ein Minibus vor. Der von der Stadt bezahlte Sozialarbeiter vom „Haus der Begegnung“ grüßt seine Mannen mit „Sieg Heil“ und überredet sie mit ihm zu kommen. Da nicht alle im Bus Platz finden, trollen sich die anderen in Richtung Stadtpark.

Als Dietmar kommt, ist der Spuk vorbei. Er findet vier ziemlich verstörte Jugendliche vor, denen die Angst im Gesicht geschrieben steht. Sie können kaum erzählen was geschehen war. 15 Minuten später fährt ein Polizeiauto heran, wird langsamer um gleich wieder an Geschwindigkeit zu gewinnen. Wenn sich Dietmar nicht auf die Straße gestellt hätte, wären sie weiter gefahren – es war ja nichts mehr los. Konnte auch nicht sein, denn seit dem Anruf waren 30 Minuten vergangen.

Nach einer kurzen Schilderung des Geschehens werden Dietmar und Frank von den Polizisten gebeten mit in den Streifenwagen zu kommen. Ein Protokoll soll aufgenommen werden. In der Zeit, als das Protokoll geschrieben wird, können sie den Polizeifunk mit hören. Als erstes kommt die Meldung, dass einige Jugendliche vor der Augenklinik einen Mann zusammen geschlagen haben. Wenig später hören sie, dass alle verfügbaren Polizisten sofort zum Stadtpark kommen sollen, dort machen welche Jagd auf Polen. Dem Befehl gehorchend wird das Protokoll nicht zu Ende geschrieben. Die beiden müssen aussteigen und der Streifenwagen braust davon.

Am Sonnabend las man in der Sächsischen Zeitung einen längeren Artikel über „Die ungemütlichen Seiten des so genannten „Männertages“.“ Der Vorfall im Stadtpark wurde nicht erwähnt…

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