Mit Kanonen auf Spatzen

zurück aus dem Gefängnis
zurück aus dem Gefängnis

Die 50ziger Jahre waren schon von der SED Diktatur geprägt, doch hielt sich vieles noch in Grenzen. Auch will ich noch einmal betonen, dass nichts verallgemeinert werden darf weil die meisten Aktionen Personen- und Ortsabhängig waren.
Aus Angst und um sich bei Vorgesetzten beliebt zu machen "schoss man auch manchmal mit Kanonen auf Spatzen".
Als ich meinen Urgroßvater 1948 kennen lernte, war er schon 70 Jahre alt. Er besaß einen Laden in dem man von der Mitternachtsvase bis zur Bleikristallvase fast alles bekommen konnte was im Haushalt benötigt wurde, auch Kinderspielzeug.
Ab 1950 verkaufte er, mit Genehmigung vom Rat des Kreises, sogar Zündplättchenpistolen. Das Volk war ja schon schwer bewaffnet, doch dazu wurde niemand um Genehmigung gefragt. Für militärisches Kinderspielzeug brauchte man eine Sondergenehmigung, um es zu verkaufen und bekam sie sogar.
An einem schönen Sommertag, dem 14. Juni im Jahr 1954, kam ich aus der Schule und ging in den Laden, um zu helfen. Es war um die Mittagszeit, drei Jugendliche wollten einen Fahrradwimpel kaufen.
Zuerst holte mein Urgroßvater aus seiner Kiste den Reklamewimpel einer Nähmaschinenfirma. Dieser gefiel ihnen nicht und sie entdeckten die schwarz-weiß-roten Farben des Kaiserreiches. Genau diesen Wimpel wollten sie haben. Mein Urgroßvater wollte ihn nicht hergeben, vielleicht ahnte er, dass es Probleme geben könnte. Sie bettelten aber solange, bis er ihnen den Wimpel gab.
Weit sind sie damit nicht gekommen. Sie wurden angehalten und befragt, wo sie den Wimpel her haben. Dann setzte sich die Staatsmacht in Bewegung. Die Angst, dass ein Jahr nach dem 17. Juni 1953 wieder ein Volksaufstand entstehen könnte, war groß. War nicht die Fahne des Kaiserreiches geradezu ein Aufruf zum Aufstand?
Dem musste man entgegen wirken indem der Aufstand im Keim erstickt wird. Darum erschienen, laut Hausdurchsuchungsprotokoll, Punkt 14 Uhr Polizei und Stasi mit einem Hausdurchsuchungsbefehl. Die Hausdurchsuchung habe ich nicht miterlebt, ich war inzwischen ins Freibad gegangen. Als ich zurückkam war der Urgroßvater nicht mehr da.
Ein Pickelhelm aus dem Ersten Weltkrieg, einige alte Militärkalender und Silbergeld aus dem Besitz meines Urgroßvaters waren beschlagnahmt worden.
Er selbst wurde in Untersuchungshaft genommen. Weniger weil er den Wimpel verkauft hat, dass er keinen Aufstand anzetteln wollte hatte man durch die Befragung mitbekommen. Trotzdem führte der Wimpel zur Hausdurchsuchung. Verhaftet wurde er dann, weil er dem Befehl alles Silber an die Besatzungsmacht abzuliefern nicht nachgekommen war und weil der Pickelhelm wie die Militärkalender als Kriegsverherrlichung bezeichnet wurden. Die Spielzeugpistolen wären auch fast zum Problem geworden, doch dafür hatte er ja die Genehmigung sie verkaufen zu dürfen, darum wurden sie nicht beschlagnahmt.
Im Untersuchungsgefängnis in Bischofswerda verschlimmerte sich das Blasenleiden meines Urgroßvaters, so richtig gesund wurde er auch danach nicht wieder. Trotzdem hatte er Glück im Unglück. Eines Tages machte der russische Stadtkommandant einen Rundgang im Gefängnis, sah ihn und meinte: "Lasst doch den alten Mann (er war 76 Jahre alt) nach Hause gehen." Bis dahin war weder eine Verhandlung, noch wusste er was man ihm wirklich vorwarf, um ihn einzusperren.

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