Steine

„Zehn Tage sind es noch, dann eröffnen wir das „BASTA“, freust du dich Andy?“ „Und ob“, hast du gedacht, dass wir es in weniger als vier Monaten schaffen? Endlich haben wir unseren Jugendklub, es wird toll werden.“

„Kommt Leute, weiter geht’s“, mahnt Birgit. Es ist wirklich noch viel zu tun. 

Obwohl die Baustelle täglich einem Ameisenhaufen gleicht, zweifeln einige, dass am 20 August 1994 die Eröffnungsfeier sein kann. Es muss aber geschafft werden. Einladungen sind verschickt, die Presse ist informiert. Also wird ran geklotzt und alles dran gesetzt, um fertig zu werden.

Was ist das? Es prasselt aufs Dach und in den Hof. Faustgroße Steine sausen herunter. Nicht vom Himmel, von der Aussichtsplattform der Stadtmauer kommen sie. Drei noch nicht ganz 16jährige Jugendliche freuen sich, dass sie getroffen haben. Eine große Leistung ist es nicht, von oben ein Dach zu treffen. Doch das Datum macht stutzig. Es ist Donnerstag und genau drei Monate sind seid Himmelfahrt vergangen. Ein zerschlagener Dachziegel rutscht auf den Hof. Zum Glück ist niemand verletzt worden.

Als die Schrecksekunde vorüber ist sagt Albrecht: „Frank und Andy, ihr rennt links hoch, Paul und ich laufen rechts und versuchen sie zu schnappen.“ Links geht es den Berg zur Peterskirche hoch, rechts eine Wendeltreppe zum Vogtshof. Dazwischen ist die Aussichtsplattform, von der die Steine geworfen wurden. Oben angekommen halten sie Ausschau nach den Werfern. Bauarbeiter hatten alles von ihrem Gerüst aus beobachtet und zeigen ihnen die Richtung, in die sie weg gelaufen sind.

„Da sind sie“, ruft Andy. Nach einer kleinen Rauferei können sie zwei erst einmal festhalten, der dritte entwischte. Da sie seinen Namen wissen, lassen sie ihn laufen. Sie haben ja die zwei, die nicht entkommen konnten. Mit ihnen geht es runter in ihr Haus, dort sollen sie fest gehalten werden bis die Ordnungshüter eintreffen.

Albrecht ruft aus einer Telefonzelle die Polizei an. „Können sie jemand zum „BASTA“ schicken, wir haben zwei festgenommen. Die haben Steine von oben geworfen. Ein Loch ist im Dach, zum Glück hat es Keinen von uns getroffen“.

Die Antwort ist niederschmetternd: „Wir haben niemand, den wir schicken können, die sind alle in Zittau, heute wird wohl nichts mehr.“ Mit dieser Nachricht trifft Albrecht bei den anderen ein. Sie beraten erst mal, wie es weiter gehen soll. „Schreiben wir doch inzwischen Namen und Anschriften auf“, sagt Susi. „Vielleicht schicken die doch noch Jemand her, manchmal geschieht auch bei der Polizei ein Wunder.“

Die Warterei zermürbt, an arbeiten ist auch nicht mehr zu denken, der Nachmittag ist so richtig versaut. Nach einer Stunde kommt Albrecht auf die Idee, zu Dietmar zu gehen, vielleicht weiß er Rat. Albrecht trifft Dietmar in seinem Büro an und hat Glück, dass gerade niemand da ist, mit dem Dietmar zu reden hat.

Die Lage ist schnell geschildert. „Da wollen wir doch gleich mal die Presse verständigen“, sagt Dietmar. „Wenn ich Herrn Kurzmann erwische weiß er bestimmt weiter, der hat einen heißen Draht zur Polizei.“ Sie haben Glück. Herr Kurzmann meint: „Mal sehn, was ich für euch tun kann, ich melde mich wenn ich was erreicht habe.“

Albrecht läuft wieder zurück zu den Anderen. Dietmar versprach, nach Dienstschluss zum „BASTA“ zukommen und wartet auf den Anruf aus der Redaktion der Sächsischen Zeitung. Nach 20 Minuten ruft Herr Kurzmann an und berichtet, dass er den Polizeiführer vom Dienst erreicht hat. Dieser war etwas ungehalten über die Vorgehensweise seines Kollegen und sagte zu, sofort einen Streifenwagen los zu schicken.

Als Dietmar endlich sein Büro verlassen kann, hofft er so schnell wie möglich zum Ort des Geschehens zu kommen. Doch da liegt im wahrsten Sinn des Wortes jemand quer. Kurz vorm Ziel sieht er einen alten Mann ziemlich hilflos auf der Straße liegen. Er war gestürzt und konnte nicht mehr aufstehen, Schmerzen hat er auch. Nachdem Dietmar ihn vorsichtig in sein Auto gehievt hat, überlegte er, wie weiter zu helfen ist. Telefone gibt es zu dieser Zeit noch sehr wenig in Görlitz, außerdem will er den Mann nicht alleine lassen. Die Stadt ist wie ausgestorben. Es ist noch nicht Abend, die Bürgersteige sind noch nicht hochgeklappt und doch sehen sie keinen Menschen, der weiter helfen kann.

Dann geschieht anscheinend ein kleines Wunder. Obwohl es an diesem Nachmittag in Görlitz angeblich nicht genügend Polizisten gibt, erscheinen gleich zwei auf der Bildfläche. Sie haben ein Sprechfunkgerät dabei und bestellen einen Rettungswagen, dieser kommt sehr schnell. Der Mann wird ins Krankenhaus gebracht, er hatte sich einen Oberschenkelhals Bruch zugezogen. Dietmar kann weiter fahren. Im „BASTA“ angekommen erzählen ihm die Jugendlichen, was inzwischen alles noch geschehen war.

Die Polizisten haben die Steinewerfer eingesackt und gebeten, dass Albrecht und Frank mitkommen sollen. Das Übliche, ein Protokoll muss aufgenommen werden. „Es dauert nur 30 Minuten, dann bringen wir euch zurück“, sagen sie. Mit 30 Minuten war nichts. Sie werden zwei Stunden und 30 Minuten festgehalten. Du hast richtig gelesen, sie wurden nicht aufgehalten sondern tatsächlich festgehalten. Irgendwie klingt das doch wie vorläufig festgenommen.

Wer sich fragt, wieso? bekommt eine verblüffende Antwort. Die beiden Steinewerfer, welche ihre Gesinnung mit Glatze und Springerstiefeln zur Schau tragen, haben die Tat abgestritten. Doch dabei blieb es nicht, sie zeigten Albrecht und Frank wegen Freiheitsberaubung an. Frech behaupten die Burschen, dass sie zu Unrecht festgehalten wurden.

Aus diesem Grund kommt es nicht zum Protokoll über die Steinewerferei. Albrecht und Frank werden verhört, denn es liegt ja eine Anzeige gegen sie vor. Das Steine von der Stadtmauer geworfen wurden ist plötzlich nicht mehr Gegenstand der Verhandlung.

Nach solchen Erlebnissen fragt man sich schon, wie es gemeint ist, wenn immer behauptet wird, dass die BRD ein „Rechtsstaat“ sei.

 

Ein Glück, das Herr Kurzmann zwei Tage später den Vorfall in der SZ beschreibt und dabei den Namen des Dritten nennt. Anscheinend bekam er tatsächlich ein schlechtes Gewissen und stellte sich. Mit seiner Aussage bestätigte er, dass sie tatsächlich Steine von oben geworfen haben. Daraufhin wurde die Anzeige gegen Albrecht und Frank zurückgenommen. 

Die Eröffnung musste nicht verschoben werden. Pünktlich am 20. August 1994 fand ein wirklich schönes Fest statt. Leider wurde es auch mit Steinen gekrönt. Gegen 2.30 Uhr prasselten Pflastersteine von oben und eine ca. 10 kg schwere Klamotte schlug auf dem Hof ein. Etwa 8 Meter neben den letzten zehn „BASTA“ begeisterten, die noch ein bisschen feiern wollen, knallte sie auf und verteilte sich im Hof.

Diesmal war die Polizei ganz schnell da, schrieb Herr Kurzmann zwei Tage später in seinem Artikel über die Einweihung.

 

Anmerkung: Es hat sich alles so zugetragen, nur die Namen sind geändert.

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