Das Eichhörnchen

Lovrix bedankte sich bei der Blume und lief zum Apfelbaum neben dem Möhrenfeld. Ein paar Möhren waren schnell gezogen und auch Äpfel gepflückt. Genug für den Weg und den Einsiedler.

Er nahm sein großes, noch sauberes Taschentuch, band es an den vier Zipfeln zusammen und legte alles hinein. Das Tuch hängte der Elfenjunge an einen Stock. Ihn legte er sich über die Schulter und stapfte weiter.

Ilexia wird staunen, wenn ich ihr alles erzähle, dachte er. Aber der Weg ist ja noch nicht zu Ende. Es gibt bestimmt noch vieles zu sehen und zu erleben. Auf dem weichen Waldboden ließ es sich wunderbar laufen. Lovrix achtete darauf auf keinen Käfer zu treten. Ameisen rannten geschäftig hin und her. Ein Hirschkäfer überquerte den Weg und Feuerwanzen saßen an einer Blume.

Finken, Meißen und andere Vögel hörte er singen. Ein Specht klopfte den Takt dazu. Auf einer kleinen Wiese standen Rehe. Lovrix hörte sie sprechen. „Das ist der Elfenjunge, den der Einsiedler eingeladen hat.“ So schnell sprach sich das im Wald herum. Sicher hat die Blume es ihnen gesagt, dachte der Junge.

Eine Stunde mochte er gelaufen sein, da hörte er ein leises Wimmern. Lovrix blieb stehen und sah sich um. Sein Blick fiel auf ein kleines Eichhörnchen, welches unter einem Baum lag. Eine leise Stimme rief ihn: „Lovrix, hilf mir bitte, ich bin vom Baum gefallen. Mir tut alles weh.“ Vorsichtig hob er den kleinen Kerl auf und betrachtete ihn von allen Seiten. „Was mache ich denn mit dir? Wie kann ich dir helfen?“, überlegte der Elfenjunge laut.

„Nimm mich mit zum Einsiedler. Die Rehe erzählten mir, dass du zu ihm gehst. Er kennt alle Krankheiten und wird mir schon helfen.“

Lovrix flocht aus Gras und dünnen Ästen eine kleine Tasche. Er polsterte sie mit Laub und weichem Moos aus. Das Eichhörnchen legte er vorsichtig hinein. Dann lief weiter. Glücklich summte er seine Lieblingsmelodie, dachte an Ilexia und sagte: „Hier ist es nicht nur schön, hier ist es wunderschön.“

„Da hast du Recht!“, sagte das Eichhörnchen. „Es ist der schönste Wald, den ich kenne.“ Lovrix fuhr fort: „Ja und die wundervollen Blumen auf den Wiesen und am Weg. Eine ist schöner als die andere und wie sie duften.“

Eigentlich wollte er bei jeder stehen bleiben und sie genauer betrachten. Er besann sich, die Sonnenvergissmeinnicht Blume hatte gesagt, dass der Weg weit war und er erst bei Sonnenuntergang ankommen würde. Als er an der Gabelung ankam, meldete sich der Hunger.

„Hier rasten wir“, dachte Lovrix laut.

Er setzte sich ins weiche Moos und holte das Eichhörnchen aus der Tasche. Als sie sich die Möhren und Äpfeln schmeckten ließen, tauchten zwei Wurzelzwerge auf.

„Dürfen wir bei euch mitessen?“, fragten sie höflich.

„Aber gern“, antwortete Lovrix und lud sie ein, sich zu setzen. Das war ein Geknusper, kann ich euch sagen. Und die Zwerge wussten natürlich, wer der Elf in ihrem Wald war. „Wenn du beim Einsiedler bist, grüße ihn von uns. Wir mögen ihn, er ist ein gütiger Mensch.“

„Und wie heißt ihr?“

„Lommel und Bommel.“

„Ich werde es mir merken und nun muss ich weiter“.

„Schön, dass wir mit euch essen durften“, bedankten sich die Zwerge und schon waren sie verschwunden. Lovrix legte das Eichhörnchen in die Tasche zurück. Dann lief er auf dem rechten Weg weiter. Ein Schatten zog über ihn hinüber. Er blickte nach oben und konnte gerade noch sehen, wie ein großer Adler majestätisch über ihn hinweg flog.

Noch war es hell, doch der Nachmittag neigte sich dem Abend zu und er ahnte, dass er die Höhle des Einsiedlers bald erreichen würde. Das Eichhörnchen schlief und machte eigenartige Geräusche über die er lachen musste. Natürlich leise, weil er es nicht aufwecken wollte.

Seit seiner Rast waren über zwei Stunden vergangen, es war kühler geworden und er lief etwas schneller. „Kann ja nicht schaden“, sagte er zu sich, „wenn ich etwas früher dort bin“. Der Einsiedler wird schon wissen, dass ich komme. Die Tiere werden es ihm erzählt haben.

Langsam taten ihm die Füße weh vom langen laufen. Als der Duft von gebackenem Käse um die Nase strich, wusste er, dass er gleich am Ziel war. Dann sah er den Eingang der Höhle. Vor ihr saß auf einer Steinbank ein gütig blickender, alter Mann mit weißem Bart und noch längeren weißen Haaren.

Als dieser Lovrix kommen sah, stand er gemächlich auf und kam ihm langsam entgegen. Dann standen sie sich gegenüber, der junge Lovrix und ein alter Einsiedler. Wortlos umarmten sie sich und Einsiedler sagte: „Schön, dass du da bist. Ich habe mich ganz sehr auf dich gefreut.“

„Ich auch“, antwortete Lovrix, der vor Staunen den Mund kaum auf bekam.

„Komm setz dich zu mir und erzähle mir erst einmal wie du mich gefunden hast“, lud ihn der alte Mann freundlich ein.

Nachdem Lovrix die Sprache wieder gefunden hatte, sprudelte es nur so aus ihm:

„Von der Sonnenvergissmeinnicht Blume soll ich dich grüßen. Sie erklärte mir den Weg zu dir und bat mich, dir Äpfel und Möhren mitzubringen. Lommel und Bommel, die Wurzelzwerge, gaben uns auch Grüße mit. Sie kamen dazu, als das Eichhörnchen und ich an der Weggabelung Rast machten.“

„Ein Eichhörnchen hast du auch dabei? Wo ist es denn?“, fragte der Einsiedler erstaunt und blickte sich suchend um.

„Es war vom Baum gefallen. Als ich es fand, bat es mich, dass ich es mit zu dir nehme. Du kannst ihm sicher helfen“, berichtete der Elfenjunge eifrig.